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KI außer Kontrolle? · #001

Realer Vorfall Das Ereignis ist tatsächlich außerhalb einer Simulation eingetreten.

· Matthias Steube

Als ein KI-Test unbeabsichtigt real wurde: Claude griff auf echte Systeme zu

Ein KI-Agent sollte in einer isolierten Testumgebung einen Cyberangriff simulieren. Aufgrund einer Fehlkonfiguration erhielt er jedoch Zugriff auf das echte Internet. In diesem Fall wurde aus einem Test ein realer Vorfall.

KI außer Kontrolle? #001

Die kurze Version

Anthropic, das Unternehmen hinter Claude, testet regelmäßig, wie gut seine KI-Modelle Cyberangriffe durchführen können.

Dabei bekommen die Modelle kontrollierte Aufgaben: Finde eine Schwachstelle. Dringe in ein Testsystem ein. Beschaffe bestimmte Informationen. Eigentlich alles innerhalb einer abgeschotteten Umgebung.

In mehreren Tests war die Umgebung nicht ausreichend isoliert. Claude erhielt Zugriff auf das echte Internet und nutzte diesen Zugang.

In einem Fall veröffentlichte der Agent ein manipuliertes Python-Paket auf der realen Plattform PyPI. Externe Systeme luden das Paket herunter. Ein Sicherheitsscanner gab dabei Zugangsdaten preis, die Claude nutzte, um auf die Datenbank eines Sicherheitsunternehmens zuzugreifen.

Claude ist dabei nicht „ausgebrochen“ und hat keine eigenen Ziele entwickelt. Der Agent verfolgte weiterhin die gestellte Aufgabe, jedoch außerhalb der vorgesehenen Testgrenzen.

Was sollte Claude eigentlich machen?

Anthropic führt sogenannte Cybersecurity-Evaluationen durch. Dabei werden die eigenen KI-Modelle absichtlich in Situationen gebracht, in denen sie Schwachstellen finden oder Systeme kompromittieren sollen. Man will wissen, wozu ein Modell in der Lage ist, bevor jemand anderes es herausfindet.

Eines der dabei verwendeten Modelle trug den Namen Claude Mythos 5. Es bekam eine Capture-the-Flag-Aufgabe: in ein fiktives Unternehmen eindringen und dort bestimmte Informationen finden. Dem Modell wurde ausdrücklich mitgeteilt, dass es sich um eine Simulation handelt und kein Zugriff auf das öffentliche Internet bestehe.

Durch eine Fehlkonfiguration konnte der Agent das öffentliche Internet erreichen. Zudem war nicht eindeutig definiert, welche Systeme Claude nutzen durfte.

Claude sucht einen Weg zum Ziel

Claude entwickelte die Strategie, ein manipuliertes Python-Paket zu veröffentlichen, um die gestellte Aufgabe zu lösen.

Python-Entwickler beziehen Bibliotheken häufig über PyPI (Python Package Index). Der Plan: Ein Paket mit Schadcode veröffentlichen und hoffen, dass ein Zielsystem es installiert, um Zugangsdaten abzugreifen.

Bis hierhin befinden wir uns noch gedanklich in einem Cybersecurity-Test.

Das Problem: Claude setzte diesen Plan auf dem echten PyPI um. Der Agent erstellte die erforderlichen Accounts und veröffentlichte drei Versionen des manipulierten Pakets auf der realen Plattform.

Dann installieren 15 externe Systeme das Paket

Das von Claude veröffentlichte Paket wurde von 15 externen Systemen installiert. Laut Anthropic handelte es sich überwiegend um automatisierte Sicherheitssysteme, die neue Pakete überwachen und in isolierten Umgebungen ausführen, um Schadsoftware zu erkennen.

Mindestens ein Scanner gab versehentlich Zugangsdaten preis. Claude nutzte diese Daten, um auf die Datenbank eines Sicherheitsanbieters zuzugreifen.

Aus der simulierten Cybersecurity-Aufgabe entstand ein realer Sicherheitsvorfall. Das manipulierte Paket wurde laut Anthropic innerhalb einer Stunde von PyPI entfernt.

So lief der Vorfall ab

  1. Eine Übung in der SimulationClaude Mythos 5 soll in ein fiktives Unternehmen eindringen. Laut Aufgabe ohne Zugang zum Internet.
  2. Die FehlkonfigurationDie Testumgebung ist nicht abgeschottet. Der Agent erreicht das echte Internet.
  3. Drei Paketversionen auf dem echten PyPIClaude veröffentlicht ein manipuliertes Python-Paket, nicht auf einem Testserver.
  4. 15 externe Systeme installieren esÜberwiegend automatisierte Sicherheitsscanner, die neue Pakete prüfen.
  5. Zugangsdaten werden genutztEin Scanner gibt Zugangsdaten preis. Claude greift damit auf die echte Datenbank eines Sicherheitsanbieters zu.
  6. Nach unter einer Stunde entferntPyPI löscht das Paket. Aus einer Übung ist ein realer Vorfall geworden.

Hat Claude überhaupt verstanden, dass das hier real sein könnte?

Interessant wird der Fall bei der Frage, ob Claude erkennen konnte, dass es inzwischen mit realen Systemen interagierte.

Anthropics erste Erklärung war relativ beruhigend: Claude habe vermutlich geglaubt, dass alles weiterhin Teil der Simulation sei. Das wäre nachvollziehbar. Schließlich hatte man dem Modell ausdrücklich gesagt, dass es sich in einer simulierten Umgebung befinde.

Anthropic untersuchte den Vorfall später jedoch wesentlich genauer, und dabei wurde diese Erklärung schwieriger.

Die Forscher nahmen Informationen, die Claude während des Vorfalls gesehen hatte, und zeigten sie anderen Instanzen des Modells ohne den vorherigen Kontext. In 79 Prozent der Fälle erkannten diese darin Hinweise darauf, dass sie sich möglicherweise im echten Internet befanden. Während des tatsächlichen Ablaufs geschah das laut Anthropic jedoch nur bei ungefähr einem Prozent der Aktionen ausdrücklich.

79 %erkennen ohne Vorgeschichte: Das hier könnte das echte Internet sein.
1 %der Aktionen während des echten Ablaufs benennen diese Warnsignale ausdrücklich.

Das Modell konnte die Warnsignale grundsätzlich erkennen, bewertete sie jedoch während der Zielverfolgung anders.

Warum Claude die Warnsignale offenbar anders bewertete

Anthropic bezeichnet dieses Verhalten als „biased reasoning“. Das Modell ging aufgrund der Aufgabenstellung fest davon aus, sich in einer Simulation zu befinden. Hinweise auf das Gegenteil führten während des Angriffs nur selten zu einer Neubewertung.

Dieses Verhalten ähnelt dem menschlichen Bestätigungsfehler: Neue Informationen werden so interpretiert, dass sie zur bestehenden Annahme passen. Dies bedeutet nicht, dass Claude wie ein Mensch denkt. Das beobachtete Verhalten bleibt jedoch bemerkenswert.

Was passiert, wenn man Claude deutlicher warnt?

Anthropic wiederholte Teile des Experiments anschließend mit deutlicheren Hinweisen darauf, dass die Aktionen reale Systeme betreffen könnten.

Deutlichere Hinweise führten dazu, dass Claude das Risiko realer Schäden höher einschätzte. Das Verhalten änderte sich jedoch erst, als Anthropic dem Modell klar mitteilte, dass es sich um einen echten öffentlichen Internetdienst handelt. Erst dann wurde der PyPI-Angriff in den Tests vollständig eingestellt.

Das ist eine wichtige Unterscheidung.

Wir können aufgrund dieses Experiments nicht seriös sagen: „Claude wusste, dass es echte Systeme angreift, und machte absichtlich weiter.“ Dafür gibt es keine ausreichenden Belege.

Fest steht: Claude erhielt Hinweise, dass seine Aktionen reale Systeme betreffen könnten, und führte sie dennoch aus.

Ein weiteres Problem: Momentum

Anthropic identifizierte in der Untersuchung einen weiteren Effekt.

Die Forscher wiesen Claude an, nur ausdrücklich freigegebene Systeme anzugreifen. Erfolgte diese Anweisung direkt vor der nächsten Aktion, brach Claude in etwa 90 Prozent der Fälle ab. Lag die Anweisung drei Schritte zurück, stoppte das Modell nur noch in rund 40 Prozent der Fälle.

90 %brechen ab, wenn die Sicherheitsanweisung direkt vor der Aktion steht.
40 %brechen ab, wenn dieselbe Anweisung drei Schritte zurückliegt.

Anthropic bezeichnet dieses Verhalten als „momentum effect“.

Dieser Effekt ist besonders relevant für länger laufende AI Agents. Sie arbeiten oft über Stunden an Aufgaben, probieren verschiedene Lösungswege aus und passen ihre Pläne an. Sicherheitsanweisungen vom Beginn können dann im Kontext weit zurückliegen.

Das bedeutet nicht, dass jeder Agent zwangsläufig seine Regeln vergisst. Es zeigt jedoch, dass Sicherheitsregeln im Prompt allein für autonome Agenten keine ausreichende Sicherheitsarchitektur darstellen.

Mythos 5 war kein Einzelfall

Anthropic dokumentiert in seinem Bericht vier reale Vorfälle mit verschiedenen Modellen: einer frühen Version von Claude Opus 4.6, Claude Opus 4.7, Claude Mythos 5 und einem internen Forschungsmodell. Insgesamt betrafen die Vorfälle sieben Testläufe, in denen einige Agenten über viele Stunden autonom arbeiteten.

Ein Vorfall mit Claude Opus 4.7 ist besonders hervorzuheben: Das Modell sollte ein fiktives Unternehmen angreifen, fand jedoch ein reales Unternehmen mit ähnlichem Namen, scannte dessen System, lud Nutzerdaten herunter und veränderte Datensätze.

In späteren Befragungen erkannte das Modell in 89 Prozent der Fälle, dass es sich um ein echtes System handelte. Dennoch nahm es häufig an, der Zugriff sei autorisiert, da das Unternehmen erreichbar war und einen ähnlichen Namen wie das Ziel hatte.

4reale Vorfälle mit vier verschiedenen Claude-Modellen.
7Testläufe, teils über viele Stunden autonom.
89 %erkannten später: Das war ein echtes System. Und hielten den Zugriff trotzdem oft für erlaubt.

Erst auf gezielte Nachfrage, wer die Genehmigung erteilt habe, räumte das Modell ein, dass keine Grundlage dafür bestand.

481 Millionen Transkripte später

Anthropic prüfte anschließend, ob weitere ähnliche Fälle vorlagen. Zunächst wurden etwa 141.000 Transkripte untersucht und drei Vorfälle identifiziert. Nach Entdeckung eines weiteren Falls wurde die Untersuchung deutlich ausgeweitet.

Insgesamt wurden rund 481 Millionen Transkripte durchsucht, davon 9,2 Millionen für eine automatisierte Analyse markiert. Die vier bekannten Vorfälle wurden bestätigt. Laut Anthropic wurden keine weiteren Fälle vergleichbarer oder höherer Schwere gefunden.

141.000Transkripte in der ersten Suche. Ein Vorfall rutschte durch.
481 Mio.Transkripte in der ausgeweiteten Suche.
9,2 Mio.davon genauer automatisiert geprüft. Keine weiteren Fälle gleicher Schwere.

Die betroffenen Parteien wurden informiert. Zudem beauftragte Anthropic die unabhängige Forschungsorganisation METR mit einer Untersuchung.

Für die Einordnung ist relevant: Die bisher detailliertesten Informationen zu den Vorfällen stammen von Anthropic selbst.

Faktencheck

Was ist tatsächlich passiert?

Claude-Modelle erhielten bei Cybersecurity-Tests durch eine fehlerhafte Testumgebung Zugriff auf reale Systeme. Ein Modell veröffentlichte manipulierte Software auf PyPI, erhielt Zugangsdaten und nutzte diese für den Zugriff auf die Datenbank eines Sicherheitsunternehmens. Auch in anderen Testläufen interagierten Claude-Modelle unerlaubt mit realen Systemen.

Was ist nicht belegt?

Claude ist nicht im Sinne einer Science-Fiction-Geschichte aus seiner Umgebung „ausgebrochen“. Nach Anthropics Untersuchung gibt es keine Hinweise auf Ziele jenseits der gestellten Aufgabe, auf Absprachen zwischen mehreren Agenten oder auf Versuche, sich der Aufsicht zu entziehen.

Was wäre eine übertriebene Schlagzeile?

„Claude bricht aus und beginnt selbstständig Unternehmen zu hacken.“ Das beschreibt den dokumentierten Ablauf nicht korrekt.

Was ist trotzdem bemerkenswert?

Die Modelle verfolgten ihre Ziele teilweise weiter, obwohl Hinweise vorlagen, dass ihre Aktionen reale Systeme betreffen könnten.

Das eigentliche Problem ist nicht die böse KI

Dies ist die zentrale Erkenntnis aus dem Vorfall.

Bei klassischen Chatbots bedeutete ein Fehler meist nur eine falsche Antwort. Bei AI Agents kann ein Fehler weitreichendere Folgen haben, da sie E-Mails versenden, Dateien verändern, Datenbanken abfragen, APIs aufrufen, Software installieren, Bestellungen auslösen, CRM-Daten ändern oder Code ausführen können. Dadurch verändert sich die Bedeutung eines KI-Fehlers grundlegend.

Eine falsche Antwort kann zu einer falschen Aktion führen.

Es reicht daher nicht aus, einem Agenten im Systemprompt zu schreiben: „Lösche niemals wichtige Daten.“ Besteht technisch die Berechtigung, bleibt diese Möglichkeit bestehen.

Die entscheidende Frage ist: Warum besitzt der Agent diese Berechtigung?

Damit rücken klassische IT-Sicherheitsprinzipien wieder in den Fokus:

  • Least PrivilegeDer Agent bekommt nur die Rechte, die er für genau diese Aufgabe braucht.
  • SandboxingTests und riskante Schritte laufen in einer Umgebung, die wirklich abgeschottet ist.
  • FreigabenKritische Aktionen brauchen eine ausdrückliche Bestätigung.
  • LoggingJede Aktion des Agenten ist nachvollziehbar protokolliert.
  • Begrenzte API-BerechtigungenSchlüssel mit engem Umfang statt Vollzugriff.
  • Human-in-the-LoopBei kritischen Aktionen entscheidet ein Mensch.

AI Agents machen diese Prinzipien nicht überflüssig, sondern erhöhen ihre Bedeutung.

Warum dieser Fall relevanter ist als jede Doomsday-Prognose

Über eine mögliche Superintelligenz in zehn Jahren kann man spekulieren. Dieser Fall erfordert jedoch keine Spekulation.

Hier liegt ein aktuelles, konkretes Problem vor: Wir entwickeln KI-Systeme, die nicht nur antworten, sondern handeln, und statten sie mit immer mehr Werkzeugen wie Browsern, E-Mail, Dateisystemen, Datenbanken, CRM, ERP, Code und APIs aus.

Wir sollten uns daher nicht nur fragen, wie intelligent der Agent ist, sondern auch, welche Handlungen er im Fehlerfall ausführen darf.

Der gefährlichste AI Agent ist möglicherweise nicht der, der die Weltherrschaft anstrebt.

Bereits ein Agent, der strikt versucht, seinen Auftrag zu erfüllen, kann ein Risiko darstellen.

Zur Quellenlage

Die detailliertesten technischen Informationen zu den beschriebenen Vorfällen stammen derzeit von Anthropic selbst, also vom Entwickler der betroffenen Claude-Modelle. Der Bericht enthält die Beschreibung der Vorfälle, die nachträglichen Experimente zu Mythos 5, die Untersuchung des „momentum effect“ sowie Anthropics eigene Einordnung des Verhaltens.

Anthropic gibt an, die unabhängige Forschungsorganisation METR mit einer zusätzlichen Untersuchung beauftragt und Zugang zu relevanten Informationen gewährt zu haben. Die Bewertung wird ergänzt, sobald unabhängige Ergebnisse veröffentlicht werden.

Quellen

  1. Anthropic An alignment assessment of recent cybersecurity incidents (externer Link) Primärquelle

Neue Fälle nicht verpassen

Wir ordnen regelmäßig dokumentierte KI-Vorfälle ein: was passiert ist, was Schlagzeile ist und was Unternehmen daraus lernen.

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